Räuber Lippold-Sage
(Langfassung der Räubersage)

Am Glenebach bei Brunkensen erhebt sich eine schroffe, vielfach zerschnittene Felswand fast unvermittelt über den Talgrund. Hier befindet sich die aus zwei Kammern bestehende Lippoldshöhle, in der einst der Raubritter Lippold hauste, - der Schrecken der ganzen Gegend. 

Als er seine Höhlenburg erbaute, durfte keiner der Steinmetzen, um nichts verraten zu können, den Wald verlassen. Als der Bau vollendet war, ließ er sie einzeln, zuletzt ihren Meister, zur Empfangnahme des Lohnes in die oberen Höhlenkammern kommen. Hier hieb er sie nieder und warf sie den engen, aus Pferdestall und Küche heraufführenden Gang hinab. 

Kein Pilger war vor ihm sicher, doch vor allem stellte er den Wagenzügen der Kaufleute nach. Damit ihm keiner entgehen konnte, zog er über die in der Nähe vorüberführenden Wege Drähte, welche bei ihrer Berührung eine Glocke in der Felsenburg erklingen ließen. 
Mehrmals vereinigte man sich zu seiner Verfolgung, aber es gelang nicht, seinen Schlupfwinkel zu entdecken, da er seinen Pferden die Hufeisen verkehrt unterzuschlagen pflegte. 

Oft, wenn seine Knechte auf Raub ausgezogen waren, wurde es ihm recht einsam in seinem Felsenneste, und er beschloss, sich ein Weib zu nehmen.
Eines Tages erging sich eine Hochzeitsgesellschaft, die Braut war die Tochter des Bürgermeisters in Alfeld, am Weinberge. Da sprengte plötzlich Lippold mit seinen Knechten aus dem Walde heraus, raubte die Braut und führte sie in seine Höhle. 

Hier musste sie, mit dem Tode bedroht, ihm dienen wie die niedrigste Magd. Den Gedanken, zu flüchten, musste sie bald aufgeben. Wenn Lippold seinen Mittagsschlaf hielt, so legte er seinen Kopf in ihren Schoß, und wenn er ausritt, band er sie an den Pfeiler in dem die beiden oberen Höhlenräume verbindenden Gänge. Lange Jahre verbrachte sie so in Tränen und Elend. Ihre Kinder knüpfte der Wüterich bald nach der Geburt in der Nähe des Felsens auf, und wenn ihre Gebeine im Winde klapperten, dann spottete er: "Hör einmal, wie unsere Kinder singen". 
Doch endlich schlug seine Stunde. Eines Tages erkrankte er heftig und vermeinte zu sterben. Vor dem Tode hatte er aber eine gewaltige Furcht. Doch keiner der Knechte war zu Hause, ihm ein Heilmittel zu holen. Wen sollte er nach Alfeld zur Apotheke schicken? Sein von ihm geraubtes Weib war bereit, zu gehen; doch zuvor musste sie ihm schwören, keinem Menschen ein Wort von Lippold und ihrem Aufenthaltsort zu sagen. Sie kam nach Alfeld und kaufte die Arznei. Sie begegnete, denn es war gerade Jahrmarkt, vielen ihrer früheren Freundinnen und Bekannten, aber niemand erkannte sie. Sie sah ihre alte Mutter am Fenster sitzen und durfte sich ihr nicht zu erkennen geben. 

Da setzte sie sich auf einen Prellstein an der Rathaustür und weinte still vor sich hin. Und der Stein, der als Wahrzeichen der Stadt noch heute da liegt, sog die Tränen ein und begann sich blau zu färben. Das Volk umstand mitleidig das fremdartige Weib, aber sie gab nicht Rede und Antwort. Da kam ihr Vater die Treppe herunter, und obwohl sie ihn kannte und es sie unwiderstehlich an seine Brust zog, antwortete sie auch ihm nicht. Da merkte der Vater, dass sie nicht reden durfte, und er sprach zu ihr: "Unglückliches Weib, wenn etwa ein Gelübde dich bindet, so klage dem Stein hier deine Not." Das tat sie dann, und verwundert horchte man ihrer Klage. Aber da sie geschworen hatte, zur Höhle zurückzukehren, so ließ man sie gegen Abend mit der tröstlichen Versicherung ziehen, dass ihr schon am nächsten Tage Hülfe werden sollte. 

Als der Räuber seinen Rausch wieder zur gewohnten Stunde in ihrem Schoß ausschlief, da erkletterten die Alfelder den Felsen und ließen durch den Schornstein ein mit einer Schlinge versehenes Seil vorsichtig herab. Die Geraubte legte es ihm um den Hals, zuckte am Seil, und plötzlich nun zog man den Ritter nach oben. Jäh erwachend stieß er in grimmiger Wut mit den Füßen nach dem Weibe, doch schon war er aus ihrem Bereiche. Er bat flehend, ihm noch kurzen Abschied von seinem Weibe zu gestatten, aber seine böse Absicht wohl erkennend, führte man ihn unverzüglich von dannen. Er endete durch die Hand des Henkers."

 zurueck zur vorherigen Seite

zurueck / nach oben an den Seitenanfang

vorwaerts auf eine bereits gesichtete Seite

Sollte sich auf der linken Seite des Bildschirmes kein Menü befinden, so klicken Sie bitte hier.